Alb-Tourismus: Add-On oder Existenzfaktor?

Stabilität und Sicherheit sind entscheidend

Der Bundestagsabgeordnete Thomas Bareiß hat während seiner Sommer-Tour gemeinsam mit Klaus Brähmig MdB (Stv. Vorsitzender des Tourismus-Ausschuss des Bundestages) zum zweiten Tourismus-Gipfel in seinen Wahlkreis eingeladen. Nachdem sich die Interessenvertreter aus Politik, Wirtschaft, Verbänden und Verwaltung im vergangenen Jahr in Sigmaringen und im Durchbruchstal trafen, stand dieses Jahr der Zollernalbkreis im Mittelpunkt. Nach kurzen Besuchen touristischer Highlights in Balingen und Albstadt folgte ein mehrstündiger Austausch üner die Rolle des Tourismus auf der Schwäbischen Alb und die Chancen der internationalen Vermarktung. Unterm Strich bleiben kollegiale Bestärkungen und politische Forderungen.

Offensichtlich hat der erst 2015 ins Leben gerufene Tourismus-Gipfel bei den Teilnehmern nachhaltig gewirkt, denn viele prominente Vertreter machten sich erneut auf den Weg, um die Region zwischen Albtrauf und Junge Donau zu erkunden und touristisch zu beleuchten. Im Mittelpunkt stand die Zollernalb, die zwei Mittelzentren mit ihren jeweils unterschiedlichen touristischen Profilen vorstellte.

Kulturstadt Balingen

Kuratorin Bettina Zundel führt die Touristiker durch die Ernst Ludwig Kirchner Ausstellung

Kuratorin Bettina Zundel führt die Touristiker durch die Ernst Ludwig Kirchner Ausstellung

Touristisch ist die Stadt Balingen ein wichtiger Kulturstandort. Das beweisen nicht nur die hochkarätigen Kunstausstellungen. Derzeit setzen die Macher vor Ort ihre Expressionisten-Reihe mit einer Ernst Ludwig Kirchner-Ausstellung fort. Aber auch zahlreiche Events beleben die Stadt und ihre Gäste. Die meisten Besucher sticht dabei die Heavy Metal-Festival “Bang your Head” heraus, die jedes Jahr 15.000 Besucher aus aller Welt auf das Festivalgelände zieht.

Albstadt: Traufgänge und mehr

Mann zieht Schuhe an

Sigmaringens Bürgermeister Thomas Schärer und Erwin Pfeiffer, ADAC Tourismus-Leiter, suchen sich im Lowa-Testcenter ein passendes Paar Wanderstiefel aus.

Die Stadt Albstadt hat vor einigen Jahren beschlossen, sich ein touristisches Standbein zu schaffen und übernahm damit eine Vorreiterrolle unter den Kreatoren der Premiumwanderwege auf der Südwestalb. Am erfolgreichsten ist dabei das “Zollernburg-Panorama” mit seinen fantastischen Ausblicken auf die Burg Hohenzollern. Die Albstädter bauen das Angebot seit Jahren kontinuierlich aus. Seit 2015 gibt es im Nägelehaus das deutschlandweit erste Lowa-Testcenter. Hier können Wanderer Schuhe ausleihen und auf den anspruchsvollen Premiumwegen testen. Bald wird auch die Gastronomie mit regionalen Produkten in die Vermarktung einbezogen.

Drei Männer vor Wandertafel

Martin Roscher, Kultur- und Tourismus-Chef der Stadt Albstadt (li.), erläutert den Abgeordneten Thomas Bareiß MdB und Klaus Brähmig MdB (re.) die Premiumwege Traufgänge.

Menschengruppe vor BUrg

Besuch am Trauf auf dem Premiumweg Zollernburg-Panorama

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Nach den Entdeckungen auf der Zollernalb setzten sich die Teilnehmer an den sprichwörtlichen runden Tisch, um ihre Positionen und Perspektiven auszutauschen.

DZT: Online-Marketing dominiert

Die für das Auslandsmarketing verantwortliche Deutsche Zentrale für Tourismus war auch dieses Jahr durch die Vorstandsvorsitzende Petra Hedorfer vertreten. Die DZT ist weltweit in 46 Ländern präsent. “Deutschland ist das zweitbeliebteste Reiseziel in EUropa”, berichtet sie über ihre Klientel, unter denen derzeit Chinesen und Polen eine herausragende Rolle einnehmen. Sie streicht dabei heraus, dass 80% der internationalen Gäste via Internet recherchieren und buchen. Die Leistungsträger vor Ort sind also gefragt, in ihre Online-Präsenzen zu investieren und diese auch mehrsprachig aufzusetzen. Zugleich bescheinigte sie der Region als Zugreisende eine gute Verkehrsanbindung, erinnerte aber auch daran, dass für die Beherbergung internationaler Gäste die 4- bis 5-Sterne-Hotellerie ausgebaut werden müsse. “Die größte Herausforderung sind Stabilität und Sicherheit”, betonte die DZT-Chefin und verwies auf eine aktuell hohe Zahl an Stornierungen seit dem Würzburg-Attentat. Ausgleich für diese subjektive Wahrnehmung der Sicherheitslage könne aktuell nur eine verstärkte Medienpräsenz erzeugen, die ausgewogen den touristischen Alltag und Normalität dokumentiere.

TMBW: Schwäbische Alb touristisch weiter entwickeln

Andreras Braun, Geschäftsführer der Tourismus Marketing Baden-Württemberg, stellte aus Landessicht die rückständige Entwicklung der Destinationen im ländlichen Raum heraus. Im Vergleich mit dem erfolgreichen Städtetourismus oder dem international mit Gesamtdeutschland identifizierten Schwarzwald könne die Markenstärke Deutschlands die Schwäbische Alb kaum bekannt machen. Trotz ähnlicher Größe wie der Schwarzwald fehle es der Schwäbischen Alb an 4- bis 5-Sterne-Hotels, aber auch an Manpower und den dazugehörigen Etats. Die Schwäbische Alb Tourismus müsse beispielsweise mit fünf Mitarbeitern auskommen, während die Schwarzwald Gmbh mit über 30 Personen im Team agieren könne. “Wir brauchen eine zukunftsfähige Struktur”, so die Forderung Brauns.

DEHOGA: Gegenläufige Gesetze schaden beim Wandel der Gastlichkeit

Sowohl mit dem Bundes- als auch mit dem Landes-Präsidenten war der DEHOGA in Balingen präsent. Bundeschef Ernst Fischer unterstützt die Forderung nach mehr Sterne-Hotels, verwies aber zugleich auf andere Probleme in der Branche. Man leide nach wie vor (teils hausgemacht) an Nachwuchsmangel und gute Konzepte scheitern häufig an rigider Finanzpolitik der Banken. Fischer fordert deshalb eine von der Politik getragene Förderkulisse für solche Situationen. Mutige, junge und kreative Gastronomen bräuchten auch deshalb Unterstützung, weil viele Hotelketten das Potenzial in Mittelzentren oder in ländlichen Räumen vor Investitionen zurückscheuen. Scharfe Kritik übte Fischer an der Gesetzgebung. Das Arbeitszeitgesetz mache es vielen unmöglich, in der Gastronomie zu arbeiten und er habe bis heute niemanden finden können, der eine sachliche und gerechte Begründung liefert für die Belastung von Restaurants mit 19% und nicht mit 7% Mehrwertsteuer. Zugleich liebäugelten die Lokalvertreter immer schnell mit einer Bettensteuer, die nicht sachgebunden für das Tourismus-Marketing verwendet würde, sondern zur freien Verwendung in den Säckeln der Kämmerer lande.

Auch Landes-Präsident Fritz Engelhardt betonte nochmals die Wertigkeit der Schwäbischen Alb: “Wer diese Schönheit nicht zu vermarkten weiß, hat den Schuss nicht gehört”. Zugleich verwies er auf den Strukturwandel in den Gasthäusern. Die Formen der Gastlichkeit sind in starkem Wandel. Die Essens- und Stammtischkultur sei rückläufig. Es brauche deshalb eine Keimzellenförderung und eine Anpassung der Gesetzgebung. “Liebe Politiker, öasst uns doch bitte arbeiten”, so seine lakonische Forderung für eine Stärkung der freien Marktwirtschaft, die den sozialen Ausgleich nicht scheut.

ADAC: Sicherheit macht Regionalität zum Toptrend

Als letzter der Interessen-Vertreter betonte ADAC-Tourismus-Leiter Erwin Pfeiffer, dass auch unter seinen Mobilitäts-Mitgliedern ein klarer Trend zum “Hauptreiseziel Deutschland” auszumachen sei. Auch unter diesen sei Sicherheit das Thema Nr. 1. Insbesondere Camping-Reisende entscheiden oft spontan über ihre Ziele und wählten sich deutschlandweit unterschiedliche regionale Destinationen aus. Die Frage “Reisen wir?” stellt sich grundsätzlich nicht, es geht mehr um die Fragen: “Wohin reisen wir?” und “Wie reisen wir?”. Im lämdlichen Raum erleben dabei die touristischen Ferienstraßen eine Renaissanche. Die “Oberschwäbishe Barockstraße”, die “Hohenzollernstraße” oder die “Deutsche Fachwerkstraße” sind Wegweiser einer regelrechten Retro-Bewegung, bieten thematische Orientierung im Wettbewerb mit dem Städtetourismus und machen den ländlichen Raum zur Destination. Erwin Pfeiffer betonte, dass Süddeutschland im Vergleich mit den anderen Bundesländern geologisch privilegiert sei, wenn es um Reiselandschaften gehe. Die Alpen, das Seenvorland und die Mittelgebirge schaffen ideale Voraussetzungen für eine touristische Vermarktung.

Kommentar: Potentiale entwickeln und ausschöpfen!

Die Verschmelzung von geologisch attraktiver Landschaft, regionaler Kultur und gesundheitsfördernder Aktivität braucht zur Expansion des Tourismus an verschiedenen Stellen nicht nur Geld, sondern einen generellen Mentalitätswandel im öffentlichen Bewusstsein. Menschen brechen permanent ihr Konzept der Sesshaftigkeit auf, um ihren Lebensstil zu erweitern, etwas zu erleben oder ihren geschäftlichen Verpflichtungen nachzukommen. Die gewerblichen Gastgeber und Freizeitanbieter sind zahlenmäßig stärker als das Bankenwesen und die technische Industrie. Das Ansehen der Branche ist mit bundesweit rund zwei Millionen Arbeitsplätzen und den dazugehörigen Umsätzen dagegen viel zu gering. Zugleich trägt der Tourismus mit Werten der Gastfreundschaft wesentlich zu geistiger Offenheit und Befriedung internationalisierter Gesellschaften bei. Irritierend ist die Zurückhaltung von Hotel-Ketten beim Bau neuer Häuser. Nahezu sämtliche Mittelzentren sind auch wesentliche Industriestandorte, die meist einen hohen Bedarf im Business-Umfeld vorweisen. Ähnlich strukturierte Städte haben es bereits vorgemacht, dass diese Kombination wirtschaftlich funktioniert. Vielleicht sind hier die Möglichkeiten der Partnersuche noch nicht ausgeschöpft. Dennoch gehört auch die Förderung der Leistungsträger in Form einer praktikablen und bürokratiearmen Gesetzgebung zu den Weichenstellungen, um eine Konzentration auf das Kerngeschäft zu ermöglichen und Arbeitsplätze attraktiver zu machen. Die Interessenvertreter werden hier nicht müde, ihre Forderungen zu stellen, die zudem in Einklang mit den europäischen Vorgaben stehen. Es ist generell verwunderlich, dass sich Politiker nicht vermehrt ihre Themen und ihre Wählerschaft unter den Menschenmassen suchen, die täglich – mal als Gast, mal als Diener – mit Tourismus beschäftigt sind. (Stefan Blanz)