Vom Armenhaus zum Pomologen-Paradies

Das Schwäbische Streuobstparadies begleitet eine bewegte Geschichte

Fries mit bäuerlicher Arbeit

Früher stand die Landwirtschaft im Zentrum des Arbeitslebens.

Selbstverständlich ist das Streuobstparadies eingebettet in die allgemeine politische und gesellschaftliche Geschichte seit dem Mittelalter. Doch es gibt einige Ereignisse und Entwicklungen, die das Schwäbische Streuobstparadies besonders beeinflusst haben. Hierzu zählen auch klimatische Einflüsse. Das ausgehende Mittelalter und die beginnende Neuzeit brachten die Reformation und Gegenreformation, die Bauernkriege, den 30-jährigen Krieg und die napoleonischen Kriege, um nur die martkantesten zu nennen. Diese Auseinandersetzungen legten einen Sturm des Todes über Mitteleuropa, der durch die sog. kleine Eiszeit, einer jahrhundertelangen relativen klimatischen Abkühlung zwischen 1450 und 1850, noch verschärft wurde.

Das Jahr ohne Sommer

Der Gipfel der Not begann im Jahr 1815, das als Jahr ohne Sommer bekannt wurde. Damals gab es eine monatelange Finsterheit während der Sommermonate, die 1816 zu Schneefall im Juli und zu einem Totalausfall der Ernte führte. Erst viel später entdeckte man die Erklärung: der indonesiche Vulkan Tambora sprengte in einem gigantischen Ausbruch ein Viertel seines Volumens in den Himmel. Die Asche zog bis nach Europa und entwickelte eine Dunkelglocke. Bei den folgenden Hungersnöten ging es nicht wie heute um Aromareisen in eine Genussregion: “Es war nie die Frog, ob’s schmeckt, sondern ob’s überhaupt ebbes geit”, lauten die Überlieferungen aus dieser Zeit.

Birnensorten nach der Systematik vom Eduard Lucas, Quelle: wikimedia

Birnensorten in der Systematik von Eduard Lucas, Quelle: wikimedia

Im Portät: Eduard Lucas

In diese Notzeit geboren wird Eduard Lucas (1816-1882), der durch siene wissenschaftliche Arbeit für die Entwicklung des Streuobstparadieses von großer Bedeutung ist. Obwohl der Arztsohn keine alademische Laufbahn einschlug, sondern zunächst eine Gärtnerlehre machte. Diese Ausbildung wiederum führte ihn an den Botanischen Garten in Greifswald, wo er wissenschaftliche Vorlesungen besuchte und an botanischen Exkursionen teilnahm. Nach weiteren Studien leitete er den Botanischen Garten in Regensburg. Erst hier begann er, sich mit Obstbau auseinanderzusetzen. Bereits zwei Jahre später wurde er an die nach dem Jahr ohne Sommer gegründete Hochschule in Hohenheim berufen. Es begann eine umfangreiche Lehr- und Publikationszeit. Die poulärwissenschaftlichen Pomologischen Monatshefte wurden ein großer Erfolg. Das System zur Bestimmung von Apfelsorten heißt bis heute auch nach ihm Diel-Lucas-System, das er auch für Birnen und Pflaumen entwickelte. Danach gründete er den deutschen Pomologen-Verein und die Lehranstalt für Gartenbau, Obstkultur und Pomologie in Reutlingen. Sie gilt als sein großes Erbe und wurde von seinem Sohn Friedrich fortgeführt. Sieben klassifizierte Obstsorten sind nach ihm benannt, darunter der Lucas Taubenapfel. Seit 2007 verleiht der Verein zur Erhaltung und Förderung alter Obstsorten die Eduard-Lucas-Medaille an verdiente Preisträger, die sich um den Obstbau und die Sortenerhaltung verdient machen. Der Pomologie genannte Volksgarten in Reutlingen existiert bis heute auch als Lehrpark, der 2014 neu geordnet wird und 66 Obstarten vorstellt. Nicht weit entfernt – in Mähringen gibt es einen von ihm selbst angelegten Eduard Lucas Musterobstgarten.

Im Freilichtmuseum Beuren wird Geschichte im ländlichen Raum erlebbar.

Im Freilichtmuseum Beuren wird Geschichte im ländlichen Raum erlebbar.

Ländliches Storytelling: spannend, lehrreich und amüsant

Gästeführerin Maria von der schwäbischen Landpartie

Gästeführerin Maria Stollmeier von der schwäbischen Landpartie

Kulturelle Erlebniswelt: das Freilichtmuseum Beuren

Freilichtmuseen zeichnen sich durch eine Ansammlung von Häusern und bewirtschafteten Flächen aus, welche die Geschichte einer Region in Architektur, Landwirtschaft und Kultur erzählen. Die meisten dieser Häuser werden aufwändig an ihrem Ursprungsort abgebaut und vor Ort wieder errichtet. Damit schafft man eine Verdichtung charakteristischer Lehrmöglichkeiten über das Leben im ländlichen Raum. Interessant ist beispielsweise, welchen Einfluss unterschiedliche gesellschaftlichen Stellungen, das Erbrecht oder die technischen Arbeitsbedingungen auf die Architektur genommen haben. Auch die Tierwelt ist präsent und lebt auf dem Museumsgelände: Lämmer, Goisa, Giggel, Gäns oder Karniggel füllen die lebende Kulisse. Der Themenpfad “Natur und Kulturlandschaft” beleuchtet die landwirtschaftliche Entwicklung der Region. Teil dieses Lehrpfades sind 500 Obstbäume, welche die Sortenvielfalt auf Streuobstwieden vermitteln. Auf dem Museumsareal finden ganzjährig Veranstaltungen statt, so dass laufend Abwechslung geboten ist.

Wie wäre es mit einer schwäbischen Landpartie?

Zahllose Geschichten kann man mit der Schwäbische Landpartie entdecken. Der Verein organisiert Bus- und Gruppenreisen ins Schwäbische Streuobstparadies und vermittelt den Gästen Geschichten und Genüsse im Albvorland. Zu den Angeboten zählen beispielsweise Reisen zur Kirschblüte in Neidlingen im Frühjahr, Verkostungen in den Streuobstwiesen oder Ziegen(käse)wanderungen, aber auch kunstgeschichtliche Exkursionen, literarische Spaziergänge, E-Bike-Touren undundund – Aktivitäten für jeds Plaisir.

Dieser Artikel ist entstanden in Zusammenarbeit mit unseren Kommunikationspartnern: Tourismus BW Marketing GmbH, Schwäbische Alb Tourismus und Schwäbisches Streuobstparadies. Hierfür herzlichen Dank. Dieser Artikel ist Teil unserer Serie über das Schwäbische Streuobstparadies.