Der St. Galler Klosterplan Die Junge Donau ist Biersüden (2): Mittelalter. Mönche. Maische

Die orangenen Felder markieren die Platzierung der Brauereien im St. Galler Klosterplan; Foto: Stiftsbibliothek St. Gallen

Wer kennt sie nicht? Bierfilzlmönche mit dickem Wanst, Krug in der Hand und breitem Lächeln. „Flüssiges bricht das Fasten nicht“, lautet ein bekannter Fastenspruch. Bier hat(te) in Klöstern tatsächlich einen hohen Nährwert. Gleichzeitig war Bier oft auch deshalb so gesund, weil es mit dem Einmaischen erhitzt wurde und dem im Mittelalter häufig verschmutzten Wasser hygienisch weit überlegen war. Die Klöster haben die Geschichte des Bieres entscheidend mitgeprägt. Mönche haben nicht nur das handwerkliche Wissen über das Brauen weiterentwickelt, sondern in Chroniken und Urkunden auch überliefert.

karolingische Urkunde

Ausschnitt aus der Urkunde von 764

764 / „de crano ad cirvisa“

Die Entwicklung des Bierwissens durch die Entdeckung bisher unbekannter Quellen sowie der Einsatz neuer Zutaten und Technologien sorgen für einen beständigen Wandel rund ums Einmaischen. Der aktive Umgang mit der Geschichte und die Verwurzelung in der Region gehört auch zu den Inspirationsquellen der heutigen Brauer, wenn sie ihre Rezepte entwickeln oder alte Sorten neu interpretieren. Die Junge Donau spielt bei den Überlieferungen eine bedeutende Rolle. Die ältesten mittelalterlichen Textquellen zum Bierbrauen stammen aus dem 8. Jahrhundert. Aus Urkunden weiß man, dass 764 im Kloster St. Gallen gebraut wurde. Das dazugehörige Biergetreide („de crano ad cirvisa“) wurde von Geisingen in das Bodenseekloster geliefert. Die Urkunde wurde verfasst, weil die dazugehörige Mühle an das St. Galler Kloster geschenkt wurde, wodurch für die Junge Donau der Anbau von Braugerste belegt ist.

817 / Heidnisches Gesöff oder göttlicher Trunk?

Das Klischee vom biertrinkenden, wohlbeleibten Kuttenträger wird gerne als Urbild der Bierkultur vermarktet. Es war tatsächlich so, dass die Klöster im Mittelalter zunehmend das Heft des Brauens in die Hand nahmen, nachdem diese Aufgabe zu großen Teilen in Frauenhand lag. Sudkessel gehörten einst zur Aussteuer. Zuvor bestand aber die geistliche Hürde, ob Bier als „heidnisches Gesöff“ im christlichen Umfeld gänzlich verboten gehört. Auf dem Konzil in Aachen im Jahre 817 wurde es für den kirchlichen Gebrauch freigegeben. Die Klöster wurden zu Wissenszentren, die das Brauhandwerk entsprechend entwickeln konnten. Bier diente damals als Grundnahrungsmittel und wurde für den Eigenbedarf und für Bedürftige abgegeben. Erst später entwickelte sich daraus ein Geschäft.

Ausschnitt St. Galler Klosterplan

Der gezeichnete Aufbau einer karolingischen Brauerei; Foto: Stiftsbibliothek St. Gallen

819 / Drei Brauereien im St. Galler Klosterplan

Der St. Galler Klosterplan ist die älteste erhaltene Architekturzeichnung des Mittelalters. Enstanden ist sie auf der Insel Reichenau nach 819. Dort wurde der Klosterplan im Auftrag von Abt Haito entwickelt, der ihn seinem Amtsbruder Abt Gozbert von St. Gallen zur Verfügung stellte. Im Plan integriert sind auch drei Brauereien, in denen unterschiedliche Sorten für unterschiedliche Gruppen (Höhere Herren, einfache Mönche und Pilger) gebraut wurden. Die Darstellungen der drei Brauereien sind sehr ähnlich und geben eine Vorstellung von den damaligen Werkstätten. Das Quadrat in der Mitte stellt die Feuerstelle dar, in dessen Ecken sich vier Sudpfannen befanden. In diesem Raum wurde auch die Maische in die Läuterbottiche umgefüllt (vermutlich durch die vier anderen Kreise dargestellt). Dann wurde ein zweiter Raum daneben eingezeichnet, die den Gär- und Lagerraum darstellen. Die Sudpfannen und Bottiche waren damals viel kleiner, weil das Bier frisch zubereitet und auch frisch verbraucht wurde. Es wurde vermutlich kontinuierlich nach Bedarf produziert, weil das Bier nicht lange haltbar war.

1050 / Was vom Abt zugemessen wurde

Ein wichtiger Mönch für die Überlieferung der Geschichte des Bieres im Kloster St. Gallen, das im gesamten erweiterten Bodeseeraum sehr großen Einfluss hatte, ist Ekkehard IV. Leider kursiert sein Name immer in Verbindung mit dem Amt des Abtes, das er jedoch nie inne hatte. Ekkehard IV. war Chronist des Klosters. Er bekam von seinem Abt Radpert den Auftrag, die Geschichte des Klosters zu dokumentieren und fortzuschreiben. Erst nach seinem Tod wurden die Schreiber der Chroniken anonymisiert, was auch eine Ursache für seine Bekanntheit darstellt. Seine „Casus St. Galli“ war gemeinsam mit der Vita von Ekkehard II. Anregung für den Roman „Ekkehard“, den Joseph Victor von Scheffel 1855 schrieb.
Ekkehard IV. hat auch viele heute skurrile anmutende Geschichten überliefert. Im Rahmen der kirchlichen Gehorsamspflicht oblag es dem Abt festzulegen, wieviel Bier seine Mitbrüder maximal trinken sollten. Abt Radpert in St. Gallen hat dazu großzügig und unzimperlich verfügt: die Mönche sollen pro Tag höchstens fünf Zumessungen Bier erhalten. Bis heute ist jedoch nicht abschließend geklärt, ob die Zumessung (= eine Maß) seinerzeit einen oder zwei Liter betrug.

Dieser Artikel gehört zur Serie der Biergeschichte(n) an der Jungen Donau anlässlich des 500. Geburtstag des Reinheitsgebotes

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