An der schönen goldenen Donau

Ein Atelierbesuch bei Sylvia Reiser

Als ich von Westen kommend nach Sigmaringendorf hinein fahre, entdecke ich schnell das Haus von Sylvia Reiser. Gold glänzend steht am Straßenrand eine Skulptur und markiert: hier lebt kein gewöhnlicher Mensch. Und weil das so ist, frage ich mich, wie so a Ogwehnliche direkt an der grauen Unwirtlichkeit einer Durchgangsstraße im ländlichen Raum leben kann? Doch bereits an der Fassade deutet sich an, welche Bestimmung dieses Haus hat. Vier Reliefs zeigen die freien Künste Musik, Architektur, Malerei und Bildhauerei. Als ich durch die Tür trete, öffnet sich ein wahrer Schatz an gestalterischen Reichtümern. Der Weltwechsel ist spätestens dann vollzogen, wenn man den Garten betritt, der sich vom Haus den Hang hinunter bis zum Donauufer erstreckt. Er strahlt eine lichtdurchflutete Leichtigkeit aus und hier glänzen nicht nur Sylvia Reisers Kunstwerke in der Sonne, sondern auch Lotusblumen, eine Buddha-Statue oder die Orangerie mit Mandala. Es sind alles Zeichen eines weltoffenen Geistes, der sich in der Lebensfreude und Gastfreundlichkeit der gelernten Juristin einlöst. Meine Pläne für unsere Verabredung scheinen dagegen fast martialisch: Ich schlage Begriffe vor. Sie schlägt zurück. Mit Sätzen.
Ein friedliches Wortgefecht.
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Die Grenzen von Kunst und Leben sind bei Sylvia Reiser fließend. Neben fast frei schwebenden Skulpturen existieren von ihr geschaffene Lampen, der World Music Award, Schmuck oder andere alltägliche Dinge nebeneinander. Die Einheit von Kunstwerk und Gebrauchsgegenstand symbolisiert ein allzeit gedeckter Tisch, der die Besucher einlädt, Gast zu sein. Gäste aus der ganzen Welt haben hier schon Platz genommen, unter anderem Bundespräsident Joachim Gauck.
In ihren Werkstätten zwingt Sylvia Reiser schwere und schier unbezwingbare Edelstahlplatten mit verschiedenen Techniken und abschließender Galvanisierung mit 24-karätigem Gold in eine schwungvolle Leichtigkeit. Die Formen ihrer Skulpturen wirken auf den ersten Blick gegenstandslos, doch bei genauerer Betrachtung erkennt man die assoziierten Gegenstände, die sich skizzenhaft mit ihren Konturen zu erkennen geben. Jede Skulptur ein Original, gezeichnet mit dem Schweißbrenner. Im Sylvias Wohntauchbad aus Gold, Weiß und Blau kommt mir der banale Satz in den Sinn: „Das Landleben ist schön.“ Als wir an ihrer Hausbar einen Kaffee trinken, will ich es dann aber doch genauer wissen und beginne meinen Begriffsbeschuss.
Portrait-Sylvia

Gold?

SR: Bei den Vernissagen zu meinen Ausstellungen gebe ich immer eine mystische Performance, die unter die Haut geht und meine Beziehung zu Gold erklärt. Gold symbolisiert die Werthaltigkeit meines Lebens und das aller anderen Lebewesen.

Glaube?

IMG_7062 SR: Ich führe ein spirituelles Leben und meditiere viel. Das macht mich frei für meine Arbeit in der Kunst. Manche leben ja und sind quasi von ihren Gedanken gemartert. Durch das Meditieren kann ich das “ausklicken”. Dazu gehört auch, ungebunden zu sein. Damit meine ich auch die Zugehörigkeit zu bestimmten Religionsgemeinschaften. Für mich ist das Thema Gott dennoch eines der wichtigsten Themen. Ich bin dankbar, dass ich überhaupt hier lebe. Und Dankbarkeit ist natürlich verknüpft mit einer gewissen Gottverbundenheit.

Reisen?

IMG_6592 SR, lacht: Eigentlich bin ich eine Landpomeranze, ich fühl mich sauwohl hier in Sigmaringendorf. Aber es ist immer ein Durcheinander. Wenn ich meine Reisen zu meinen Ausstellungen in Shanghai, Peking, Dubai oder New York plane, will ich eigentlich gar nicht fort gehen. Wenn ich dann unterwegs bin, will ich wieder kaum mehr heim kommen, weil ich mich eigentlich rund um den Globus zu Hause fühle. Es ist so etwas schönes, auf der ganzen Welt Kollegen zu treffen und gemeinsam auszustellen. That‘s beautiful life! Ich werde häufig eingeladen, in China oder im arabischen Raum dauerhaft zu leben. Aber ich kann in diesen fremden Welten nicht leben und bin deswegen sporadisch in China oder im arabischen Raum und lebe hier.

Heimat?

SR: In Sigmaringendorf sind meine Wurzeln, da bin ich aufgewachsen. Es ist hier einfach toll. Man hat die Natur, man kann hier zur Ruhe kommen, man hat hier sehr kurze Wege zum Einkaufen oder in die Werkstatt. Und wenn ich nach Amsterdam fahre, muss ich nur zweimal umsteigen, wenn ich auf der anderen Straßenseite in den Zug einsteige.

Männer?

SR, winkt: Weiter, nächste Frage. Lacht: Also, ich bin seit 13 Jahren glücklicher Single und muss ein freier Vogel sein für meine Kunst. Da kann ich mich nicht in eine Abhängigkeit begeben.

Landleben?

SR: Ich bin hier die verrückte Künstlerin. Die Leute nennen mich Goldmarie. Ich suche damit eine Mischung aus Negieren und Kultivieren. Aber ich bin nicht umsonst hierher zurück gekommen. Nachdem ich zwanzig Jahre weg war, bin ich ganz toll aufgenommen worden. Das Haus habe ich von meiner Großmutter bekommen, die mich stets Goldschatz nannte. Dies ist ein Künstlerhaus. Früher wohnte hier Karl Nägele, der sehr viele religiöse Skulpturen machte. Jetzt lebt das Haus wieder nach seiner ursprünglichen Bestimmung.

Donau?

SR: Einfach der Fluss. Die Einrichtung des Hauses ist nach Feng Shui erfolgt und energetisch wesentlich durch die Donau bestimmt. Die Großmeisterin kam damals und sagte: dieses Haus braucht ungewöhnlicherweise viel Metall, also logisch für mich: meine Skulpturen. Es werden hier noch mehr aufgestellt. Zur Zeit habe ich jedoch einen Engpass. Aber ich bin schon wieder kreativ und mache neue Skulpturen. Die Technik darf man aber nicht hinterfragen, darüber spreche ich nämlich nicht.

Für die Sigmaringendorfer Donau-Lauchert-Halle schuf Sylvia Reiser die gleichnamige Skulptur einer Symbiose im Mikrokosmos. Sie sagt dazu: "Die Vereinigung von Donau und Lauchert kann im Einzelnen gesehen als ein kleiner Teil unserer Schöpfungsgeschichte betrachtet werden. Aus dieser Vereinigung, das heißt: aus dieser "Symbiose" ist die Entstehungsgeschichte der Gemeinde herzuleiten, die zur Grundlage für weiteres Leben geworden ist. Dieses sich kontinuierlich weiter entwickelnde Leben ist Sinngehalt unserer Schöpfung."

Für die Sigmaringendorfer Donau-Lauchert-Halle schuf Sylvia Reiser die gleichnamige Skulptur einer Symbiose im Mikrokosmos. Sie sagt dazu: “Die Vereinigung von Donau und Lauchert kann im Einzelnen gesehen als ein kleiner Teil unserer Schöpfungsgeschichte betrachtet werden. Aus dieser Vereinigung, das heißt: aus dieser “Symbiose” ist die Entstehungsgeschichte der Gemeinde herzuleiten, die zur Grundlage für weiteres Leben geworden ist. Dieses sich kontinuierlich weiter entwickelnde Leben ist Sinngehalt unserer Schöpfung.”