Aus dem Tagebuch einer alten Schachtel

Während zahllose Alt’ Wiber für ihre Mitmenschen Brauchtum und Kultur durch die Straßen der schwäbisch-allemanischen Gefilde tragen, fesselt die Facebook-Gemeinde das Schicksal einer alten Schachtel. Erstmals wurde sie am 5. Februar in der Guldenbergstraße in Stetten am kalten Markt gesehen, wo sie seither umherirrt. Sie teilt damit das Schicksal des neu gewählten Schultes Maik Lehn, der bereits seit 1. Februar nach einem neuen Domizil Ausschau hält. Für den rasenden Reporter-Kollegen Hermann-Peter Steinmüller Grund genug, sich des dramatischen Schicksales der alten Schachtel anzunehmen.

kein Polizeifoto

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8. Februar: Behauptungen, es handle sich um eine Pizzaschachtel, erweisen sich als haltlos. Nach knallharter Recherche gelingt es Ha-Pe-Ess, wie Hermann-Peter Steinmüller in Kollegenkreisen genannt wird, in einer Recover-Aktion mehr über ihre Identität zu erfahren. Die Obdachlose war gar nicht Herberge einer Pizza, sondern eines Flammkuchens. Durch diese Erkenntnis stellt sich die Frage, ob ihr patriotischer Geschmack ursächlich verantwortlich für ihr schweres Schicksal ist. Die Journalie jedenfalls hat eine Anfrage an das EU-Kommissionsbüro in Brüssel gerichtet, inwieweit eine verfehlte Integrationspolitik für Dinnetle in einer globalisierten Kulinarik mitverantwortlich sein kann für den sozialen Absturz alter Schachteln. Gleichgültig gegen jegliche Politisierung ist die Schachtel mittlerweile am evangelischen Kindergarten angekommen. Doch auch hier gehen die Geschwister Winter und soziale Kälte Hand in Hand und lassen die alte Schachtel links liegen.

Hohe Anteilnahme im Internet
9. Februar
: Das Schicksal der alten Schachtel verschlechtert sich weiterhin: nicht einmal mehr die ortsansässigen Hunde – berüchtigt für ihre Gefräßigkeit – würdigen die alte Schachtel auch nur eines Blickes, geschweige denn eines schnuppernden Näschens. Derart isoliert, wird das Engagement des Lokalreporters unfreiwillig zum Engelsdasein. Doch der Gerechte hat’s schwer. Immer wieder wird Hermann-Peter Steinmüller angegangen, die alte Schachtel zu entsorgen. Doch standhaft in seinen bürgerlich-christlichen Werten will er nicht über die Lebensberechtigung alter Schachteln richten. Die Anteilnahme unter den Netzbewohnern nimmt entgegen der Verhaltensweisen der Einwohnerschaft stetig zu. Facebooker Jörg G. überlegt, ob “man auch eine daktyloskopische Spurensicherung ins Auge fassen” sollte. Kein abwegiger Gedanke, angesichts der Vermutung von Chaim L., dass organisierte Gruppen hinter dem ganzen Vorgang stehen.

flammkuchen-Yaris

Wirkmacht Journalismus
10. Februar
: Die alte Schachtel ist weg! Sofort gerät der Bauhof der Gemeinde in Verdacht in einer Nacht ohne Nebel-Aktion der alten Schachtel durch Entsorgung den Garaus gemacht zu haben. Hermann-Peter Steinmüller bleibt dran. Dank seiner Ermittlungen kommt es ans Tageslicht: der Bauhof ist gänzlich unschuldig und hat sich in einem Akt herausragender Toleranz nicht weiter um die alte Schachtel bemüht, die sich fortan wieder ins Straßenbild einfügt.

14. Februar: Es ist einzig und alleine der Beharrlichkeit, des Fleißes und des Gewissenhaftigkeit des rasenden Reporters zu verdanken, dass als erster Einwohner vor Ort ausgerechnet ein Hund seine ignorante Haltung überdenkt und der alten Schachtel eine neue Perspektive verschafft: als Sitzmöbel für (aus)rastende Vierbeiner. Doch die Gefahr ist noch längst nicht gebannt, denn am zweiten Montag und Dienstag im Monat ist wieder Altpapier in Stetten akM. Und die nehmen wirklich jede alte Schachtel mit.